Warum wir es uns nicht leisten können, unpolitisch zu sein

Warum wir es uns nicht leisten können unpolitisch zu sein

…und weshalb es mir nicht reicht, nur „gegen Rechts” zu sein.

Dieser Post ist Teil der Reihe “Blogger gegen Rechts” von Fashion Changers. Am Ende des Posts findet ihr eine Liste mit allen Teilnehmenden und Texten der ersten Reihe “Warum wir es uns nicht leisten können, unpolitisch zu sein”. Die Verlinkungen sind weder beauftragt, noch bezahlt, sondern mir persönlich wichtig.

Warum wir es uns nicht leisten können, unpolitisch zu sein

„Unpolitisch“, das war eines der Häkchen, die ich erst bei Schüler-, später auf Studi-VZ klickte. Neben der Lieblingsmusik und witzigen Sprüchen war es auch die politische Haltung, mit der man sich zuordnen, abgrenzen und darstellen konnte. Und „unpolitisch“ war das, was ich wählte, um mir bloß keine Diskussionen ans Bein zu binden. Um mich nicht von allen abzugrenzen, die andernfalls möglicherweise gegensätzlicher Haltung gewesen wären. Um nicht komplett offen einzugestehen, dass meine Ahnung von und mein Interesse an Politik lächerlich gering waren.

Im Januar 2015 fing ich dann an, regelmäßig auf Demonstrationen zu gehen. Größtenteils waren das die Gegendemonstrationen zum Leipziger PEGIDA-Ableger LEGIDA und regelmäßig hieß zum Teil im Wochentakt oder sogar häufiger. Ich war selbst erstaunt, wie sehr mich das mitnahm, wie rege ich plötzlich mit Freund*innen über politische Themen diskutierte.

#NoPEGIDA Plakate

Schon im Juni desselben Jahres kannte ich eine Vielzahl an Demoparolen, eine Vielzahl sächsischer Ortschaften, Daten und Fakten über rassistische Aufmärsche, Gewalttaten und – wenn es sie gab – Gegenaktivitäten. Was ich noch nicht so genau kannte, war meine eigene Haltung. Während ich sicher sagen konnte, dass ich nicht mit Nazis leben möchte, war die Frage, wie ich denn stattdessen leben möchte, größtenteils unbeantwortet.

Ich war nicht gänzlich ahnungslos, aber doch ganz schön unreflektiert.

Als im Juni 2015 die LEGIDA-Demo dem Gegenprotest „Gutmenschen“ entgegenschmetterte, so als wäre das Wort eine Beleidigung, antwortete ich mit einem lauten „Ihr Schlechtmenschen!“

Schon beim Rufen spürte ich Beklemmung. Moment, das war grad überhaupt nicht okay. „Schlechtmenschen“, wer soll das denn bitte sein und was für ein Konzept steckt da hinter? Und was spiegelt das von meinem Denken?

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass gegen Rechts sein nicht nur bedeutet, für das Gegenteil von dem zu sein, was Rechte wollen. Es hat gedauert, bis der Groschen fiel, dass nicht-Rechte und auch ich selber oft Dinge sagen oder tun, die mit der Gesellschaft, in der ich leben will, nicht viel am Hut haben.

Scheißverein - Kinderschnute für #cutesolidarity
Mit Schokolade und Schnute gegen Pegida – wär ja schön, wäre es tatsächlich so einfach wie die Aktion #cutesolidarity

Der Umgang mit dem “Feindbild”

Was ich damit meine? Wie oft habt ihr das Wort „Nazischlampe“ schon gelesen, gehört oder auch selber gesagt? Habt ihr euch schon mal über Teilnehmende einer Nazidemo lustig gemacht, weil ihr sie einfach für „hässlich“ befandet oder dass sie wenig intelligent wären, sich sprachlich schlecht ausdrücken können oder unsportlich sind? Ich habe das durchaus getan, und auch gar nicht so wenig. Dabei ist es mir völlig egal, wie Menschen aussehen, wie clever sie sind und wie sie sprechen – Menschenfeind*innen lehne ich wegen ihrer Menschenfeindlichkeit ab. Wenn ich das mal genauer betrachte, dann mag ich auch überhaupt nicht in einer Umgebung leben, in der das Wort „Schlampe“ eine Beleidigung gegen Frauen* ist. Und gerade die Gesellschaft, in der jede Person leben und sich so verwirklichen kann wie sie ist und auch mit komischer Frisur, Unsportlichkeit oder sonstigem Nicht-Entsprechen von Idealen und Normativen Wertschätzung und Anerkennung erfährt, ist doch die, in der ich leben will.

Solidarität ist eine Waffe – und ein Muss

Das zu durchdenken hat für mich ein Fass ohne Boden geöffnet. Der Wunsch, Nazis mit Samthandschuhen anzufassen und auf ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen, wird nie meiner sein. Aber da ist der Wunsch, in einer Umgebung voller Achtsamkeit und Rücksicht zu leben. Ich will darauf aufpassen, Menschen nicht mit unbedachten Sprüchen zu verletzen. Ich möchte auch für Probleme und Kämpfe sensibel sein, die nicht meine sind. Das bedeutet für mich, zwischen die Kämpfe gegen Sexismus, Rassismus, Ableismus, Antisemitismus und LGBTIQ-Feindlichkeit kein „entweder oder“ zu setzen, sie nicht gegeneinander aufzuwiegen, sondern sie solidarisch wie entschlossen anzugehen.

Im Kampf gegen Rechts will ich nicht nur retten, was noch zu retten ist, sondern den Normalzustand angreifen. Denn der ist auch außerhalb von Nazi-Aufmärschen und auch ohne AfD-Parteibuch geprägt von Diskriminierung und Ausgrenzung. Und ich merke selber jeden Tag, wie viel ich da noch zu lernen und zu bedenken habe – und dass das wohl nie enden wird.

„Blogger gegen Rechts“ ist eine großartige Aktion. Wenn ich mich dort so umsehe, sehe ich viele Menschen, die ich zumindest lese wie mich selbst: Weiß, cis und heterosexuell, mit höherem Bildungsabschluss und weder in Armut noch von ihr bedroht. Es ist wichtig, sich auch aus dieser Lage heraus aktiv gegen den Rechtsruck einzusetzen, Position zu beziehen und Haltung zu zeigen. Es ist aber mindestens genauso wichtig, die Privilegien dieser Lage zu erkennen und zu reflektieren. Zu sehen, was außerhalb des eigenen Horizonts liegt, wo man unterstützen kann und auch, wo es besser ist, sich mal zurückzunehmen.

Denn wir können es uns nicht leisten unpolitisch zu sein – aber ebenso wenig unachtsam und unsolidarisch.

Fotocredits:
Alf-Tobias Zahn, fotografiert von © René Zieger
Phoebe Nicette, fotografiert von © Lydia Hersberger
Vreni Jäckle, fotografiert von © Anna Steinert
Franziska Schmid, fotografiert von © Grit Siwonia

Blogger gegen Rechts

Die Initiative der Fashion Changers vernetzt Blogger*innen, die neben ihren eigentlichen Themen klar machen wollen, dass sie sich klar und deutlich gegen Rechts einsetzen. Es lohnt sich, bei ihnen vorbei zu schauen und ihre Texte zu lesen.

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