Was wäre Sachsen ohne Protest?

#NoPEGIDA Plakate

Seid vorgewarnt: Hier geht es um Protest gegen Neurechte und Neonazis. Dieser Post wird politisch. Und persönlich, das wird er auch. Er ist Teil der Blogparade “Sag niemals nie”, zu der auf Heldenwetter aufgerufen wird. Wer das möchte, kann ihn auch als Reisebericht in die finsteren Ecken Sachsens verstehen. Seit Oktober 2014 gibt es in Dresden Pegida-Aufmärsche, die, zunächst als “islamfeindlich” bezeichnet, mittlerweile offen faschistisch durch die Straßen ziehen. Es gab dort Protest, zu dem nicht nur innerhalb Dresdens mobilisiert wurde – aber so richtig interessiert hat mich das alles erstmal nicht. Meine Geschichte fängt erst am 12. Januar 2015 in Leipzig an.

Was wäre Sachsen ohne Protest? #NoPEGIDA

Ich gehe nicht auf Demonstrationen.

Es ist ein fies kalter Januarmorgen, aber das macht wenig, denn wir sitzen in einer großen Runde an einem reichlich gedeckten Frühstückstisch. Eine gute Freundin feiert Geburtstag und über den Tisch hinweg werden nicht nur Brötchen und Marmeladengläser ausgetauscht, sondern immer wieder auch die Erwartungen an den Abend. Der 12. Januar 2015 ist der erste Tag, an dem Leipzigs Ableger der Dresdner Pegida hier aufmarschiert. Die Mobilisierung für den Protest dagegen ist groß und vielfältig und eigentlich kenne ich keine Person, die am Abend nicht auf die Demo gegen Legida will. Also, abgesehen von mir selber.

Menschenmassen? Never.

Menschenmassen sind doof, das habe ich auf zig Festivals gelernt. Auch wenn mich im Januar keine verschwitzte Menge erwarten würde, war mir so gar nicht danach, mich in einer Masse unbekannter Menschen wiederzufinden, die sich von A nach B schieben oder – im Winter fast schlimmer – einfach nur rumstehen. Wenn alle hingehen, so meine Argumentation, dann fällt das doch niemandem auf, wenn ich zuhause bleibe und mir einen gemütlichen Abend mache. Aus ähnlichen Gründen hatte ich mich auch in den Jahren zuvor vor Demonstrationen gedrückt: Zu viel, zu laut, zu wild und meine Abwesenheit fällt ja doch nicht ins Gewicht. Auf jahrelange Abwesenheit folgte schließlich auch die Angst vor der unbekannten Situation.

Und plötzlich habe ich Turnschuhe an.

Am späten Nachmittag stehe ich im Flur, Wollsocken an den Füßen und alte schwarze Adidas darüber. Unter meiner dunklen Jeans befinden sich zwei lange Unterhosen, die Anzahl der Pullover ist egal, solange es viele sind. In der Küche blubbert der Wasserkocher. Im Gegensatz zu Glasflaschen sind Thermoskannen auf Demonstrationen erlaubt und bei eisigen Temperaturen ist Tee ein Muss. Auf meinem Arm steht mit Kugelschreiber gekritzelt die Nummer des Ermittlungsausschusses, für Notfälle. Ich habe wenig Ahnung, was für Notfälle das genau sein sollen. Da ich aber allgemein etwas von Notfällen verstehe, wandern zur Thermoskanne noch Kekse und Schokolade in den Rucksack.

#NoPEGIDA Plakate

Protest ist, was du draus machst

Wir sind eine gute Bande, die schließlich in einer unerwartet großen Demonstration zum Waldplatz loszieht. Was wir aus dem Protest machen? Eigentlich gar nichts. Neben uns sind mehrere zehntausend Menschen vor Ort, mitten in der Menge einer Bühne, rundherum viel Polizei. Wohl, um nicht zu vergessen, in welcher Stadt wir hier sind, singt Sebastian Krumbiegel. Die Stimmung ist gut, Teetassen und Kekse machen die Runde, wir bibbern und stimmen kurz in das Lied eines Kirchenchors ein. Dann zieht Legida vorbei und es gibt lautstarken Protest gegen den Hassverein. Ich erhasche den Blick auf ein paar Deutschlandflaggen, mehr ist aus der Menge heraus nicht zu sehen. Das ist alles nicht sonderlich erfüllend. Während zwei von uns näher an das Geschehen gehen, besetzen wir anderen schon mal einen Tisch in unserer Stammkneipe.

Der Abend findet kein Ende

Am Kneipentisch, und auch an den nächsten gemeinsamen Abenden, zieht sich dieser 12. Januar fort: Was war das nun für ein Aufmarsch? War das ein kurzes Schreckgespenst oder kommen die nochmal wieder? Weil sie wiederkommen, finden wir uns knapp zwei Wochen später beim Plakatebasteln wieder. Es ist noch nicht einmal Februar, da weiß ich dann auch, wie man sich mit anderen Menschen verkettet. Ich weiß, dass ich eine überraschend laute Stimme habe und kenne auch ein paar gute Demoparolen dafür. Und ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn plötzlich ein rechtslastiger Rentner in Jack Wolfskin-Kluft vor mir steht und mit Schlägen droht. Ende Januar 2015 habe ich bereits auf die ersten Demos zurückgeblickt. In den darauffolgenden Wochen habe ich mich mit Hetze im Internet angelegt. Kurzum: Der ganze Mist hat mich beschäftigt und ich wollte etwas dagegen tun. Nicht am Protest teilzunehmen war schon im Frühjahr keine Option mehr für mich.

Scheißverein - Kinderschnute für #cutesolidarity
Mit Schokolade und Schnute gegen Pegida – wär ja schön, wäre es tatsächlich so einfach wie die Aktion #cutesolidarity

Zwei Jahre später

Ist der Mist immer noch da, die Situation aber anders. Seit dem 9. Januar 2017 ist Legida Geschichte. Unabhängig davon hat sich in zwei Jahren, nach hunderten Angriffen auf Geflüchtete, auf Geflüchtetenunterkünfte, auf Menschen, die sich mit Geflüchteten solidarisieren und nach hunderten Naziaufmärschen in Sachsen einiges geändert. Ich habe mich verändert – bin lauter geworden und ein Stück entschlossener, habe Dinge gelernt und getan, auf die ich stolz bin – auch wenn es schöner wäre, müsste es sie nicht geben.

Blatt blockiert den Gehweg
Hier geht’s nicht weiter! Ich lebe gern in Leipzig und wünsche mir, dass das so bleibt – darum ist es mir jedes Mal aufs Neue wichtig, dass Menschen sich Nazi-Aufmärschen in den Weg stellen.

Wie sieht das bei euch aus?

Dass nicht allein in Dresden, Leipzig oder Sachsen ein Problem mit völkischen Nationalist*innen besteht, machen spätestens die Sitze der AfD in mehreren Landtagen bewusst. Der Erfolg Trumps, der Erfolg weiterer Rassist*innen ist keine plötzliche Naturkatastrophe, sondern zeichnete und zeichnet sich immer wieder ab. Wie geht ihr damit um? Positioniert ihr euch? Ist die Lage bei euch überhaupt so – nun ja …sächsisch? Mit wem redet ihr darüber?

Sag niemals nie!

Mein “niemals” in Bezug auf Demonstrationen war nach einem Abend dahin. Das war eine gute Entscheidung, nicht nur, weil ich unterwegs wunderbare Menschen kennen gelernt und längst nicht nur Mist erlebt habe, sondern vor allem, weil ich mir ein Sachsen ohne Proteste gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht vorstellen möchte.

Wann habt ihr euch überwunden und ein “niemals” über Bord geworfen? Die Blogparade bei Heldenwetter hat da einige schöne Texte parat.

Dieser Post entstand außerdem im Rahmen von 28 days of blogging.

…und weil er mir ganz schön viel abverlangt hat, gibt’s heute nur entspannte Empfehlungen der gestrigen Posts:

9 Kommentare bei „Was wäre Sachsen ohne Protest?“

  1. Ich lebe seit 2010 nicht mehr in Deutschland und verfolge die Pegida-/Legida-Bewegung daher nur in den Nachrichten. Aber ich bin froh, dass Leute gegen sie demonstrieren und auch die AfD nicht einfach hinnehmen. Diese nationalistische Entwicklung in so vielen Ländern finde ich erschreckend – weshalb ich seit zwei Wochen auch zu den Demos hier in den USA gehe.

    1. Über deinen Post zu den Protesten in Boston habe ich mich sehr gefreut. Auch wenn die Bloggerwelt an vielen Orten wunderfein und bunt und glitzernd ist, finde ich es wichtig, nicht außer Acht zu lassen, was außerhalb all dieses Schönen geschieht. Die nationalistische Entwicklung ist so gruselig – umso mehr Mut macht es, dass in den USA (und auch an einigen anderen Orten) momentan so viel dagegen geschieht.
      Liebe Grüße
      Maren

  2. Ich finde es super, dass du auf die Demo und noch weitere Demos gegangen bist. Hut ab!

  3. Toll, dass du dich so stark dafür einsetzt! Super inspirierend für mich.

  4. […] average pony: Was wäre Sachsen ohne Protest? […]

  5. Wow! Deine Geschichte zu lesen, ist irre spannend. Lustig, dass du es dir anfangs gar nicht vorstellen konntest, auf eine Demo zu gehen und dann sozusagen “angefixt” wurdes – ich bin früher öfter irgendwo auf Demos gegangen und hatte mit jeder weniger Lust darauf 😀 Ich hoffe, dein Artikel inspiriert andere Menschen, in Sachsen und überall. Danke für die Teilnahme an meiner Blogparade mit diesem tollen Text!

    1. Danke dir 🙂 – auch für das Hinzufügen zur Blogparade, freut mich, daran auch mit einem etwas anderen Reisetext teilnehmen zu können.

      Naja, die Lust auf Demos ist jetzt nicht konstant hoch und manchmal auch völlig weg, aber irgendwie ist es auch eine Selbstverständlichkeit geworden.

  6. Toll! Ich find es so wichtig, den Hintern hochzukriegen und sich zu positionieren. Auch wenn ich selbst ein Lied davon singen kann, dass das Gerangel mit dem inneren Schweinehund oft hart ist und man nicht jedes Match gewinnt. Leute wie euch braucht Deutschland, braucht Europa jetzt so dringend!
    Wir waren vor gut einem Jahr in Dresden und haben uns davor, währenddessen und danach ausführliche Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, nach “Pegida-Land” zu reisen. Auch wenn wir mit Kindern nicht an Demos teilnehmen, ist es nicht zu viel verlangt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, finde ich. http://www.family4travel.de/nach-dresden-reisen-trotz-pegida/

    1. Danke dir – und vor allem Danke für den Hinweis auf deinen Blog! 🙂 Das ist ein superspannender Text, den ich sogleich bei dir ausführlicher kommentieren werde. Es gibt ja zum Glück viele Möglichkeiten, sich den Menschenfeind*innen in den Weg zu stellen – und dass das nicht alle auf der Straße und mit viel Aktivismus können und wollen, ist nur verständlich. Aber viele suchen sich andere Wege, und wenn das Gegenrede in sozialen Netzwerken ist, ein Sticker im Hausflur oder, oder, oder. In Dresden ist zum Beispiel auffällig, dass im Sommer 2015 unheimlich viele Menschen neu ankommenden Geflüchteten geholfen haben, auch heute noch viele aktiv sind, aber eben nur ca. 100-300 Menschen jede Woche gegen Pegida auf die Straße gehen. Ich hab letztens einen schönen Kommentar gehört, in etwa: Wir können dem Rechtsruck nicht die eine große Aktion, den einen großen Widerspruch entgegenstellen, vielmehr müssen wir genau das nutzen, was die Gegenbewegung ausmacht: Die Vielfalt der Aktionsformen und Meinungen, die genau die pluralistische Gesellschaft darstellt, in der wir leben wollen. 🙂

      Und für alle, die das hier lesen: Klickt auf den Link von Lena, er führt zu einer wunderbar differenzierten Betrachtung Dresdens und ist, vor allem, wenn der Blick von außen selber schwer fällt, sehr schön zu lesen!

      Liebe Grüße
      Maren

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