Was machen Nazis auf der Buchmesse?!

Was passiert, wenn man Faschisten Räume gibt: Sie nutzen sie. (@felixsschulz)

Mein Ausstellerdebut auf der Leipziger Buchmesse, genauer gesagt der Manga-Comic-Con, liegt jetzt schon ein halbes Jahr zurück. Wer meinen Bericht davon gelesen hat, weiß: Ich hatte eine super Zeit, war ungeheuer stolz auf meinen tollen Schreibwarenstand und habe mich riesig über viele liebe Begegnungen gefreut. Und ich habe mir gewünscht, dass Compact im nächsten Jahr ausgeladen wird. Wer meinen Stand besucht und sich etwas aufmerksamer umgeschaut und umgehört hat, hat vielleicht außerdem gemerkt: Ich habe selbstverständlich die Flyer für den Protest gegen den Compact-Stand bei mir aufgehängt. Ich habe Menschen ermutigt, an diesem Protest teilzunehmen und vorbeilaufenden neurechten Merch komisch beäugt. Ich hatte Solibuttons der Antifaschistischen Herzigkeit dabei und habe gerne erzählt, wie der Protest gegen Legida & Co in Leipzig gerade so läuft. Und mich gefragt, ob das ausreichend ist.

Muss es denn immer politisch sein?

Die Manga-Comic-Con war für mich ein Ort, an dem es trotz allgemeinen Messetrubels ziemlich ruhig und gediegen zuging. Mit bunten und kreativen Menschen, die unglaublich toll aufeinander Acht gegeben und gegenseitig ihre Kostüme bewundert haben. Ich war überglücklich, wie viele liebe Komplimente mein Stand bekommen hat und war selber im siebten Stationery-Himmel. Muss man sich das jetzt noch mit Politik verknüpfen? – Ich finde schon.

Wenn ein bestimmtes Literatur-Genre mich nicht interessiert, dann kann es mir egal sein. Wenn Bücher angeboten werden, die höchstens wohlmeinend noch als Kitsch bezeichnet werden können, dann ist stört mich das nicht. Wenn ich an einer langweiligen Lesung vorbei komme, kann ich weitergehen und mich auf Lesungen freuen, die mich interessieren. Wenn aber ein Verlag pure Menschenverachtung publiziert, eine Zeitschrift sich vorstellt, die Freiheit für Beate Zschäpe fordert und Geschichtsrevisionist*innen eine Bühne gegeben wird, dann bedeutet mein Schweigen demgegenüber, dass ich es zulasse. Mein Schulterzucken sagt, dass ich nichts dagegen tun möchte, dass meine Mitmenschen diese Ideologien mit sich herumtragen und propagieren. Und nein, das ist mir eben nicht egal.

Was passiert, wenn man Faschisten Räume gibt: Sie nutzen sie. (@felixsschulz)

Kann sich nicht wer anders darum kümmern?

Es wäre so einfach: Die Messe ist in der Lage, zu entscheiden, wer ausstellt und wer nicht. Neurechte Verlage könnten einfach ausgeladen werden. Da das aber weder auf der Leipziger, noch auf der Frankfurter Buchmesse geschieht, müssen Wege gefunden werden, um deutlich zu machen, dass faschistische Ideologien weder normal noch egal sind. Ich habe mich auf der Leipziger Buchmesse drei Tage lang mit Ausstellenden unterhalten, die ebenso verwundert waren wie ich, dass in diesem Jahr nicht gegen den Compact-Stand protestiert wird. 2016 gab es täglichen Protest, dieses Jahr erst am Sonntagnachmittag. Die Legende, es gäbe irgendeine Institution, die schon etwas organisieren wird, hat drei Tage lang verhindert, dass in größerer Form protestiert wurde. Und zugegeben: Ich habe sie ja auch geglaubt und mich selber nicht in der Position gesehen, etwas zu unternehmen.

Was in Frankfurt abgeht, ist keine Überraschung

Auf der Frankfurter Buchmesse sind sie selbstverständlich auch da, Publizierende rund um Junge Freiheit, Antaios Verlag & Co. Für Dialog und Diskurs sind sie zugelassen, als Feigenblatt wurde der Stand der Amadeu-Antonio-Stiftung neben ihnen platziert. Und dann ist da plötzlich eine Veranstaltung mit hundert Neurechten und Neonazis, die “Sieg Heil” grölen, handgreiflich werden und Menschen direkt angreifen. Die gute Nachricht, dass es Proteste gegen die Lesungen von Björn Höcke und den Identitären Martin Sellner und Mario Müller gab, geht darin unter, dass die Protestierenden massiv angegriffen wurden. Um noch einen oben drauf zu setzen, schreibt die Frankfurter Buchmesse in einem Statement zu dem Vorfall außerdem, der antifaschistische Protest verhindere den Austausch von politischen Positionen. Ganz so, als gäbe es irgendetwas auszutauschen mit der Ideologien der Ungleichwertigkeit und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Mich gruselt die Ansicht, dass, wer von Nazis angegriffen wird, schon irgendetwas getan haben wird, um den Angriff zu provozieren. Sie verharmlost faschistische Ideen und entsprechende Gewaltbereitschaft. Als wäre es verwunderlich, dass Menschen, die Gewalt gegen Menschen propagieren, diese auch anwenden. Die Folge der Angriffe war das Schikanieren der Protestierenden, nicht der Beschluss, im nächsten Jahr keine rechten Stände mehr auf der Messe zuzulassen.

Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. […]  Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.  Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen. (Carolin Emcke)

Können wir bitte nicht schweigen?

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse wurde die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet – für “Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz in ihrem Schaffen”, “ihr politisches Gespür und Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen”. Falls ihr die Serie “A Handmaid’s Tale” schaut: Margaret Atwood hat das Buch geschrieben – allerdings schon 1985. In ihrer Dankesrede bezog sie sich auch auf die aktuelle Entwicklung in Deutschland.

In sämtlicher Wut über das, was da in Frankfurt passiert ist, wurde ich auf die Dankesrede von Carolin Emcke hingewiesen, die letztes Jahr mit dem Preis ausgezeichnet wurde – und die Empfehlung kann ich nur weitergeben: “Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.”

Es reicht eben nicht aus, gegen Nazis zu sein – man muss es ihnen schon auch sagen, sie aus dem Diskurs ausschließen und ihre Ideologie als die indiskutable Menschenfeindlichkeit behandeln, die sie ist. Ich hoffe, da tut sich in Zukunft mehr als momentan. Zur Leipziger Buchmesse 2018 gehe ich natürlich vorrangig als Unternehmerin, aber auch als Teil einer Gesellschaft, die in der Pflicht ist, faschistische Ideologien auszuschließen.

 

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