Body Shaming: Die Sache mit den Körpern

Body Shaming: Die Sache mit den Körpern

Als ich vor einigen Tagen Margarate Stokowskis Kolumne “Mehr dicke Mädchen in Leggings” las, dachte ich zuerst: Whoah. Ja. Und dann: Das muss unbedingt in meine monatlichen Lesetipps. Für mehr Girl Power und “Nee, is nich” habe ich mich hier ja schon mal ausgesprochen und dachte, das reiche fürs Erste. Dann aber las ich die Kommentare und Diskussionsbeiträge dafür und die Idee, mich gar nicht weiter zum Thema Body Shaming äußern zu müssen, wurde über Bord geworfen.

Ich habe mir mal einige der Kommentare geschnappt und sie etwas näher betrachtet.

Body Shaming: Die Sache mit den Körpern

 

“Ich kenne niemanden, der dicke Leute in Leggings schön findet”

Glückwunsch, die Überschrift wurde erfasst und verarbeitet. Und der Rest des Textes direkt bestätigt. Schließlich geht es ja eben darum, sich am leggingsverpackten Popo vorbei gehen zu lassen, ob dieser der Gesellschaft als schön gilt. Mir persönlich ist die Fragestellung, ob Leggings nun Hosen sind oder nicht, ziemlich egal. Sie sind das Kleidungsstück, das macht, dass ich mich nicht in eine Jeans zwängen muss, wenn ich das grad nicht möchte, aber auch keine Lust auf flatterige Röcke oder Hosen habe. Find ich super!

Schade finde ich dagegen, dass mensch sich anscheinend Mühe geben muss, noch die kleinste Delle am Oberschenkel zu verstecken. Dass es ab einem gewissen Körperumfang zum Skandal wird, rutscht das Oversize-Oberteil doch mal nach oben.

Meine Theorie ist ja, dass Menschen, die Leggingsträger*innen so verachten, noch nie selber in Leggings unterwegs waren. Und darum keinen Peil haben, wie entspannt das sein kann. Und irgendwie vergessen, dass Mädchen in Leggings – die dicken wie die dünnen – Mädchen sind, die ihren Alltag leben. Die Persönlichkeit und Charakter haben, Probleme meistern und mit Menschen interagieren. Was sie nicht sind, sind leblose Puppen, die dazu auf der Welt sind, damit sie begutachtet und bewertet werden können.

“Wenn jemand ungesund ist, sollte man ihm das aber sagen können!”

…und plötzlich hält mensch sich für fähig, die Gesundheit einer Person anhand ihres Aussehens einschätzen zu können. Mehr noch, es ist erwünscht oder sogar wichtig, diese Einschätzung auch zu äußern.

Zum Einen betrifft Body Shaming nicht nur das Körpergewicht. In den meisten Fällen soll aber eben dieses mit der Äußerung “Das ist doch nicht mehr gesund” angesprochen werden. Bei der Begutachtung und Bewertung von Körpern ist das Paket jedoch viel größer geschnürt: Zu groß; zu klein; Ih, Nippel; müssen Haare an dieser Stelle echt sein? …und all solche Dinge.

Und zum Anderen? Wenn ein Mensch zur Hälfte in einem Krokodil steckt, ist der Hinweis sehr angemessen, dass das doch aber lebensbedrohlich sei. Menschen, die man spontan für zu dick oder dünn hält, sieht man ihren Gesundheitszustand nicht an – und kann darum einfach mal leise sein, vor allem, wenn man nicht gefragt ist. Wer sich tatsächlich Sorgen um die Gesundheit seiner Lieben macht, findet andere Wege, ihnen das zu sagen als die Einschätzung, dass der Körperumfang der betroffenen Person abseits eines willkürlich gesteckten Maßes liegt. Ansonsten kann man sich ruhig einmal mehr fragen, warum diese Einschätzung als Rechtfertigung dafür dienen darf, einer anderen Person ungefragt zu nahe zu treten und sich damit über sie zu erheben.

Dreieck

“Wer sich in seinem Körper nicht wohlfühlt, soll etwas dagegen tun!”

Denn auf dieser Welt gibt es nichts geschenkt und selbst dein eigenes gutes Körpergefühl musst du dir erarbeiten! Diese Aussage wird auch gerne mit der verknüpft, Menschen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und sich dennoch in ihrem Körper wohlfühlen, würden lügen. Wen sie belügen? Sich selbst und natürlich die Gesellschaft, die davon profitieren würde, wenn diese Menschen doch endlich etwas an ihrem Körper ändern würden. Schließlich muss man das ja auch sagen können, wenn jemand ungesund… Und schon ist der Kreis geschlossen.

Ach ja: Wer hat je behauptet, dass es nicht funktioniert, Veränderung anzustreben UND sich dabei gut zu finden?

“Der Anspruch, seinen Körper immer und überall zu mögen, nervt”

Ja, das würde er tun, würde es ihn tatsächlich geben. Thing is: Niemand erwartet von irgendwem, seinen Körper von jetzt auf gleich zu lieben. Kein körperpositives Instagrambild ist ein Befehl, von Selbsthass auf pure Verliebtheit für immer und ewig zu switchen. Es gibt kein Verbot, sein Äußeres auch mal für furchtbar zu befinden. Es gibt vielmehr die lautstarke Erlaubnis, das dennoch nicht ständig tun zu müssen.

Das Thema erinnert daran, dass man nicht dafür existiert, um für andere Menschen gut auszusehen. Es ruft einem in den Kopf, dass man trotz einiger Unzufriedenheiten mit dem eigenen Körper eine schöne Zeit mit eben diesem verbringen kann. Dass so ein Körper zum Leben da ist, nicht zum Aussehen.

Kreis

“Das Problem Body Shaming wird größer geredet als es ist”

Das wage ich zu bezweifeln, schließlich fangen wir grad erst an, das Problem überhaupt zu betrachten. Ja, das Thema wird momentan ziemlich viel besprochen. Aber warum sollte das etwas Schlechtes sein? Für mich hat das Thematisieren nicht Selbstmitleid zum Ziel, sondern Sensibilisierung. Wenn ich erkenne, wann und wo Body Shaming stattfindet, fällt es mir leichter, meine eigenen Verhaltensweisen kritisch zu betrachten. Je besser ich Body Shaming auch als unbeteiligte Person erkennen kann, desto einfacher ist es, solidarisch mit betroffenen Menschen zu sein.

“Es sind nicht nur Frauen betroffen”

Das denke ich tatsächlich auch. Und ärgere mich, wie stark Texte und Analysen sich auf cis-weibliche Personen beschränken und kein einziges Sternchen mitdenken. Und würde mir wünschen, dass wir uns einfach alle gegenseitig mit Abwertungen und Diskriminierung in Ruhe lassen. Am Ende ist es leider doch so, dass Frauenkörper und ihnen zugeschriebene Merkmale im Mittelpunkt des Body Shaming stehen. Aber stellt euch nur mal vor, wie das wäre, wären der Weiblichkeit zugesschriebene Attribute wie eine hohe Stimme, zarte Hände oder sichtbare Brüste keine Ziele mehr, um einen Mann zu beleidigen!

Quadrat

Und wie weiter?

Wenn ich mir was wünschen darf: Lasst uns jetzt ja nicht aufhören! Lasst uns weiterhin Body Shaming bekämpfen und stattdessen ein positives Körpergefühl aufbauen. Ich möchte gerne auch zum hundertsten Mal lesen, dass man, um einen Bikinikörper zu haben, seinem Körper einfach nur einen Bikini anziehen muss. Wenn Menschen wegen ihres Äußeren abgewertet werden, will ich das lautstark scheiße finden. Ich möchte meine Beine in Leggings stecken und über den Tag vergessen, dass ich morgens unzufrieden mit ihnen war. Wenn ich das Haus verlasse, möchte ich das mit oder ohne Make-Up tun, aber auf jeden Fall mit der Gewissheit, dass mich keine der beiden Möglichkeiten wertvoller erscheinen lässt als die andere.

Ich wünsche mir Vielfalt und Verständnis, mehr Staunen und Wundern statt Schimpfen und Nörgeln, mehr Solidarität und viel, viel mehr Achtsamkeit.

One Reply to “Body Shaming: Die Sache mit den Körpern”

  1. […] Um das Körpergefühl und Schönheitsideale ging es bei Makellos Mag, MyMonk, Pinkstinks und Average Pony. […]

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