INTERNET Y U DO THIS?

Auf diesem Blog ist in den letzten Tagen und Wochen wenig passiert – und auch sonst in meinem Leben. Wer das via Internet betrachtet oder mich persönlich kennt, mag ahnen oder wissen, woran das liegt. Sicherheitshalber und weil es mir am Herzen liegt, habe ich aber beschlossen, es in Worte zu fassen.

Ich glaube an Opfergaben.

Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mit dem Erbringen eines Opfers die aktuelle Situation zumindest ein klein wenig verbessern kann. Und ich opfere täglich – allerdings weder Lebewesen, noch Nahrung, noch Wertgegenstände, sondern schlichtweg Zeit.

Ich habe das Gefühl, dass in den letzten Monaten alle rückständigen Gedanken, die man so haben kann, plötzlich wieder geäußert werden – und das nicht nur vereinzelt, sondern geballt und dazu noch deftig garniert mit Verschwörungstheorien. Wann das anfing, kann ich nicht einschätzen. Ich fing jedenfalls an, mir wirklich ‘ne Platte zu machen und mich zu informieren, als plötzlich LEGIDA durch Leipzig marschierte. Und noch mehr, als ein wöchentlicher Nazi-Aufmarsch daraus wurde. Und dann, ganz langsam, wurde das Zeitopfer daraus: Lesen, lesen, o so viel lesen. Mein politisches und gesellschaftliches Wissen hat sich in nicht mal drei Monaten mindestens verdoppelt.

Willkommen in den dunklen Seitengassen des Internets.

Das Internet ist nicht so einfach fertig gelesen – damit hatte ich auch nie gerechnet. Was mich allerdings wirklich geschockt hat, war, wie schnell man von einem halbfiesen Thema zu richtig hässlichem Mist kommt.

Kennt ihr das “Hitler”-Spiel auf Wikipedia? Dabei sucht man sich einen beliebigen Wikipedia-Artikel aus und versucht, in weniger als fünf Klicks zum Artikel über Adolf Hitler zu gelangen. Schlug noch nie fehl. Das Ding ist aber: Das funktioniert nicht nur mit Referenzen im Lexikon, sondern praktisch überall, und nicht nur mit menschlichen Widerlingen, sondern genauso gut mit anderen richtig abgefahrenen bis perversen Themen.


Ich so: ‘Internet, zeig mir mal drei Seiten, mit deren Hilfe ich herausfinden kann, was es denn nun mit Aluminium in Impfungen auf sich hat. Einmal Wikipedia für’s Grundverständnis, einmal ein paar Artikel auf Google Scholar und, ich bin ja nicht so, einmal ‘ne Impfgegnerseite.”


Und das Internet so: ‘Hier entlang, bitte. Das ist Wikipedia, hier die verlangte Dosis Science und hier die Seite der Impfgegner. Ach, übrigens: Deinen Reichsbürgerausweis kannst du dir hier ausstellen lassen.’


Und ich so: ‘Wie bitte? Reichsbürger?’


Und das Internet: ‘JA MEGA BRD GMBH VOLL GEFÄHRLICH ROTHSCHILD VERSCHWÖRUNG TOXINE ÜBERALL BANKEN FIES BÖSE POLITISCH GEWOLLT AUSLÄNDER ÜBERALL KRIMINALITÄT MERKEL OBAMA ISRAEL REPTILIENMENSCHEN!’

…ihr versteht, was ich meine?

 
Ich habe mittlerweile aufgehört, mich in diese Seitengassen führen zu lassen. Nicht mal Sensationslust und Schadenfreude können mich noch zum Kopp-Verlag, zu KenFM und ähnlichen oder schlimmeren Seiten führen. Gegen Verschwörungstheorien kommt man ohnehin nicht an. Stattdessen habe ich angefangen, zu diskutieren und mich in den tiefen Abgründen rückständiger Meinungen herumzutreiben.

Früher habe ich mich eher selten an irgendwelchen Diskussionen auf Facebook oder Blogs beteiligt. Als dann die ganze LEGIDA-Geschichte los ging, habe ich vordergründig bei NO LEGIDA gelesen und mich über Erfolge mitgefreut – aber eben erstmal nicht für oder gegen irgendetwas argumentiert. Irgendwann fing es dann aber an, in den Fingern zu jucken. Mir fielen schlagfertige Antworten ein und ich wollte die Dinge nicht unkommentiert stehen lassen. Das ging so weiter, bis ich mich irgendwann nicht mehr in den sicheren Gewässern von NO LEGIDA oder PEGIDA#watch, sondern erst direkt bei PEGIDA und schließlich in den zwar weniger gesetzlosen aber ebenso unergründlichen Diskussionsgefilden diverser Wochen-, Tages- und Internetzeitungen befand. -GIDA war dann natürlich auch nicht mehr das einzige Thema, zu dem ich mir die komplette Diskussion durchlas oder selbst diskutierte.

Die Zitate, die ihr hier seht, sind übrigens nicht ausgedacht, sondern tatsächlichen Diskussionen entnommen – lediglich die Rechtschreibung habe ich angepasst.

Tja, und in dieser Situation stecke ich nun fest.

Am Anfang war ich völlig verdattert darüber, WIE diskutiert wird. Natürlich wusste ich, dass erschreckend viele Menschen Höflichkeit, Respekt und Empathie nicht mit ins Internet nehmen und der miese Ton oft der miesen Rechtschreibung entspricht – aber dass das alles mit so viel Selbstverständlichkeit passiert, das geht mir nicht in den Kopf.

Klar, mir entfährt von Zeit zu Zeit auch ein ‘Verzieh dich mit deiner widerlichen Meinung, rückständige Blitzbirne!’ – allerdings vollkommen hirnintern. Ich kann meinen Bildschirm anpöbeln, ich kann mich auch unter Verwendung fieser Worte mit Freunden im echten Leben darüber aufregen, was manche Leute so im Internet von sich geben. Was gar nicht klar geht, ist, diesen Leuten das unter Verwendung fieser Worte ins Gesicht zu sagen oder aus dem Lästern Verachtung werden zu lassen. Es geht nicht klar, Menschen, die Verstand und Gefühle besitzen, anzupöbeln, und eben nicht nur einen Computerbildschirm. Ich kann schimpfen und zetern so viel ich möchte, andere Menschen beleidigen und verletzen geht trotzdem nicht klar. Punkt.

Diese Ansicht hat mir sowohl geholfen, auf einschlägigen Seiten noch nicht gesperrt zu sein, als auch, tatsächlich diskutieren zu können. Wem ich meine Meinung mit klaren, nicht verletzenden Worten darstelle, der antwortet mir mit größerer Wahrscheinlichkeit auch mit seiner Meinung, nicht mit Beleidigungen.

Die Illusion, damit tatsächlich jemanden umstimmen zu können, habe ich schnell abgelegt. Mir geht es vielmehr darum, die Personen überhaupt zum Wahrnehmen anderer Meinungen zu bringen und ihrer Position etwas entgegenzustellen. Wenn Frauen, die über ihre Sexualität bestimmen, Schlampen genannt werden, Ausländer den Ort verlassen sollen, Eltern, deren Kind an Masern verstorben ist, beleidigt werden und Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung dabei sind, salonfähig zu werden, dann darf das in meinen Augen nicht unkommentiert bleiben. Denn sonst entsteht ein Klima, in dem all das plötzlich völlig okay ist und Gegenpositionen zu Außenseiterpositionen werden.


Es ist ein bisschen, als würde man für jeden Hundehaufen auf dem Gehweg ein Blümchen pflanzen.

Und mit dem Blümchen pflanzen werde ich nicht aufhören. Ich habe angefangen, mir To Do-Listen anzufertigen, damit meine Arbeit nicht darunter leidet. Ich habe meine Grenzen, was Ausdauer und Geduld angeht, zwar sehr weit gesteckt, aber immerhin schon wahrgenommen. Ich versuche zusammen mit Freunden, das Geschehen und die Diskussionen einzuordnen. Ich muss vielleicht mal meinen vollgemotzten Bildschirm in den Arm nehmen.

Wenn alles nicht mehr hilft, gibt es schließlich noch die schönen Seiten des Internets:

Der Youtube-Channel von Laci Green erzählt von Feminismus, Sexualität und Partnerschaft und ist auch für Leute, die über Bienchen und Blümchen informiert sind, spannend.

Auf Upworthy gibt’s immer wieder unheimlich erhellende Geschichten über alles, was das Menschsein betrifft.

Und, so simpel das klingt, 9gag ist immer wieder der Beweis dafür, das miesmuffelige Egoisten eben nicht überall sind, sondern dass es auf der ganzen Welt unheimlich viele Schmunzler gibt.

Was meint ihr? Entwickelt sich da wirklich grad Furchtbares oder übertreibe ich? Diskutiert ihr online? Lohnt es sich überhaupt? Wo gibt’s – abgesehen von draußen, vor der Tür – noch mehr Schönes zu finden?

Danke für’s Zuhören.
– Maren

Ein Kommentar bei „INTERNET Y U DO THIS?“

  1. Danke für deinen Ausschnitt des Internets und den sehr interessanten Post! Ich recherchiere nicht so tief in die Untiefen und belasse es meistens bei Schritt eins, weil ich schon ahne, dass man dann in ein Universum voller Abgründe schaut. Ab und zu kann ich mir einen Kommentrar auf Facebook nicht verkneifen, wenn solche Themen bei SZ o.ä. diskutiert werden. liebe grüße *thea

Schreibe einen Kommentar

Alle Angaben sind freiwillig.
Mit dem Absenden deines Kommentars stimmst du der Verarbeitung der von dir angegebenen Daten zu. Dies ist lediglich für die Anzeige deines Kommentars nötig, die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Weiteres erfährst du in meiner Datenschutzerklärung.